Die Digitalisierung der Versicherungsbranche stellt viele Unternehmen vor dieselbe strategische Entscheidung: Soll eine individuelle Software entwickelt werden, die exakt auf die eigenen Prozesse zugeschnitten ist? Oder bietet eine Standardsoftware langfristig die bessere Grundlage?
Die Diskussion ist nicht neu. Neu sind jedoch die Rahmenbedingungen.
Versicherer stehen heute unter einem deutlich höheren Veränderungsdruck als noch vor wenigen Jahren. Neue regulatorische Anforderungen, steigende Kundenerwartungen, digitale Vertriebskanäle, KI-gestützte Prozesse und immer kürzere Innovationszyklen verlangen nach IT-Systemen, die sich kontinuierlich weiterentwickeln können.
Genau deshalb wird die Entscheidung zwischen individueller Entwicklung und Standardsoftware heute anders bewertet als noch vor zehn oder fünfzehn Jahren.
Viele Kernsysteme deutscher Versicherer wurden ursprünglich individuell entwickelt oder über Jahre hinweg stark angepasst. Das hatte gute Gründe.
Jedes Unternehmen verfügte über eigene Produkte, Prozesse und Tarifierungslogiken. Standardsoftware konnte diese Anforderungen häufig nur eingeschränkt abbilden. Individuelle Entwicklungen boten dagegen maximale Freiheit.
Neue Funktionen konnten exakt nach den eigenen Vorstellungen umgesetzt werden.
Über Jahre hinweg entstand so eine IT-Landschaft, die perfekt auf das jeweilige Unternehmen zugeschnitten war.
Mit jedem zusätzlichen Projekt wuchs jedoch auch die Komplexität.
Die Entwicklungskosten sind selten das größte Problem. Die eigentlichen Kosten entstehen später. Jede neue regulatorische Anforderung, jede Produktänderung und jede Integration muss individuell entwickelt, getestet und dokumentiert werden.
Mit der Zeit wächst nicht nur der Quellcode, sondern auch die Abhängigkeit von internen Spezialisten und externen Dienstleistern.
Viele Versicherer kennen diese Situation:
Eine scheinbar kleine Produktanpassung entwickelt sich zu einem mehrmonatigen IT-Projekt.
Nicht weil die Änderung fachlich komplex wäre. Sondern weil sie zahlreiche Abhängigkeiten innerhalb der bestehenden Systemlandschaft betrifft. Die Folge sind längere Releasezyklen, steigende Wartungskosten und eine immer geringere Geschwindigkeit bei der Einführung neuer Produkte.
Nicht unbedingt. Auch Standardsoftware hat ihre Grenzen. Viele klassische Standardlösungen wurden ursprünglich entwickelt, um möglichst viele Versicherer gleichzeitig abzubilden.
Dadurch entstanden Systeme, die zwar zahlreiche Funktionen bieten, sich aber häufig nur mit erheblichem Customizing an individuelle Prozesse anpassen lassen. Genau hier beginnt für viele Versicherer das nächste Problem. Je stärker eine Standardsoftware angepasst wird, desto schwieriger werden spätere Updates.
Der vermeintliche Vorteil einer Standardlösung geht schrittweise verloren. Aus Standardsoftware wird über Jahre hinweg erneut eine individuelle Lösung, diesmal jedoch auf Basis eines Standardprodukts.
Die Entscheidung lautet längst nicht mehr: Standardsoftware oder Individualentwicklung?
Sondern vielmehr:
Wie viel Individualisierung ist wirklich notwendig?
Moderne Versicherungsplattformen verfolgen deshalb einen anderen Ansatz. Nicht der Quellcode wird angepasst. Sondern Produkte, Prozesse und Geschäftsregeln werden konfiguriert. Diese Trennung verändert den gesamten Lebenszyklus einer Software. Während sich die Plattform kontinuierlich weiterentwickelt, bleiben individuelle fachliche Anforderungen erhalten, ohne dass der eigentliche Produktkern verändert werden muss.
Dieser Ansatz gewinnt in der Versicherungsbranche zunehmend an Bedeutung. Produktkonfigurationen, Tarife, Workflows oder Geschäftsregeln lassen sich unabhängig vom eigentlichen Plattformcode verwalten. Dadurch profitieren Versicherer von zwei Vorteilen gleichzeitig. Einerseits können sie ihre individuellen Produkte und Prozesse abbilden.
Andererseits bleiben regelmäßige Produktupdates möglich, ohne dass umfangreiche Anpassungsprojekte notwendig werden.
Gerade cloud-native Versicherungsplattformen setzen deshalb konsequent auf Konfiguration statt Individualentwicklung.
Bei der Auswahl einer neuen Versicherungssoftware konzentrieren sich viele Projekte zunächst auf den Funktionsumfang. Kann das System unsere heutigen Anforderungen erfüllen?
Mindestens genauso wichtig ist jedoch eine andere Frage:
Wie gut kann sich das System in fünf oder zehn Jahren an neue Anforderungen anpassen?
Die Versicherungsbranche verändert sich kontinuierlich. Neue regulatorische Vorgaben, Embedded Insurance, KI, neue Vertriebskanäle oder digitale Partnerökosysteme lassen sich kaum langfristig vorhersagen.
Entscheidend ist deshalb nicht, ob eine Software heute jede Sonderanforderung erfüllt. Entscheidend ist, wie schnell neue Anforderungen morgen umgesetzt werden können.
Die erfolgreichsten Digitalisierungsprojekte verfolgen heute weder einen rein individuellen noch einen vollständig standardisierten Ansatz. Sie kombinieren die Vorteile beider Strategien. Die Plattform stellt standardisierte Kernfunktionen bereit. Individuelle Produkte, Prozesse und Geschäftsregeln werden darüber konfiguriert. Dadurch reduziert sich die technische Komplexität erheblich. Gleichzeitig bleibt genügend Flexibilität erhalten, um auf neue Marktanforderungen reagieren zu können.
Die Frage „Standardsoftware oder individuelle digitale Lösungen?“ lässt sich heute nicht mehr mit einem einfachen Ja oder Nein beantworten.
Individuelle Entwicklungen bieten maximale Freiheit, verursachen jedoch langfristig häufig hohe Wartungs- und Weiterentwicklungskosten.
Klassische Standardsoftware reduziert zwar den Entwicklungsaufwand, stößt jedoch schnell an ihre Grenzen, wenn umfangreiche Anpassungen notwendig werden.
Für viele Versicherer liegt der nachhaltigste Weg deshalb zwischen beiden Extremen.
Moderne Versicherungsplattformen verbinden standardisierte Kernfunktionen mit einer hohen Konfigurierbarkeit. Dadurch lassen sich individuelle Anforderungen umsetzen, ohne die Wartbarkeit und Zukunftsfähigkeit der Plattform zu gefährden.
Gerade in einer Branche, die sich kontinuierlich verändert, wird damit nicht die maximale Individualisierung zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil – sondern die Fähigkeit, Veränderungen schnell und effizient umzusetzen.