Banner

tech11 Blog

Welche Entscheidungen darf KI in der Versicherung wirklich treffen?

  • September 14 2026
  • tech11 GmbH
 

 Ein Sachbearbeiter lehnt einen Schaden ab. Die Police deckt den Fall formal nicht, das ist eindeutig. Trotzdem greift er zum Telefon, bevor der Brief rausgeht — weil er weiß, dass der Kunde seit zwanzig Jahren bei diesem Haus versichert ist, weil er die Geschichte dahinter kennt, weil ein Nein an dieser Stelle mehr kostet als die Schadensumme selbst. Genau an diesem Punkt wird die Debatte um KI in der Versicherung interessant — nicht bei der Frage, ob eine Maschine den Fall korrekt einordnen kann, sondern bei der Frage, wer den Anruf tätigt.

 
 

Die meisten Diskussionen über KI in der Assekuranz drehen sich um Geschwindigkeit und Fehlerquote. Kann das System schneller prüfen als der Mensch? Macht es weniger Tippfehler bei der Dateneingabe? Das sind die falschen Fragen, oder zumindest die uninteressanten. Bei Standardfällen — der Autoglasschaden mit klarer Rechnungslage, die Reiserücktrittsversicherung mit ärztlichem Attest — ist längst entschieden, dass Automatisierung sinnvoll ist. Niemand vermisst den Sachbearbeiter, der stundenlang identische Belege abgleicht.

Schwierig wird es dort, wo eine Entscheidung nicht nur ein Ergebnis produziert, sondern eine Haltung ausdrückt. Eine KI kann berechnen, dass ein Kunde nach drei Schadenfällen in zwei Jahren ein erhöhtes Risiko darstellt. Ob man ihm deshalb kündigt, ist keine Rechenaufgabe — es ist eine Entscheidung darüber, was für ein Versicherer man sein will. Genau hier beginnt der Unterschied zwischen einer Aufgabe, die man delegieren kann, und einer Verantwortung, die man behalten muss.

Ein zweiter blinder Fleck vieler Automatisierungsprojekte: Sie unterschätzen, wie viel unausgesprochenes Wissen in „einfachen" Entscheidungen steckt. Ein erfahrener Underwriter lehnt selten allein aufgrund der Zahlen ab. Er merkt sich Muster, die in keinem Datensatz auftauchen — den Maklerbetreuer, der in der Vergangenheit zweimal knapp daneben lag, die Betriebsart, die auf dem Papier harmlos aussieht, aber in der Praxis überdurchschnittlich oft zu Streitfällen führt. Wird dieses Wissen nicht bewusst in die Systeme eingespeist, verschwindet es leise mit jeder Automatisierung ein Stück mehr. Das Problem zeigt sich nicht sofort. Es zeigt sich in fünf Jahren, wenn die Generation, die dieses Gespür hatte, in Rente ist und niemand mehr da ist, der die Ausnahme erkennt, bevor sie zum teuren Präzedenzfall wird.

Die ehrliche Antwort auf die Ausgangsfrage lautet deshalb: KI darf in der Versicherung nahezu jede Entscheidung vorbereiten, aber nicht jede Entscheidung tragen. Der Unterschied ist keine technische Grenze, sondern eine organisatorische. Wo Regulatorik, Haftung oder das Vertrauen eines langjährigen Kunden auf dem Spiel stehen, braucht es jemanden, der die Verantwortung nicht nur im Sinne einer Unterschrift übernimmt, sondern im Sinne einer echten Abwägung. Alles andere — die Fleißarbeit, die Mustererkennung, das Durchsuchen von tausend Policen nach einer Klausel — darf und sollte die Maschine übernehmen. Je mehr Zeit dadurch frei wird, desto mehr Raum bleibt für genau die Fälle, in denen ein Mensch zum Telefon greifen sollte, statt einen Serienbrief zu verschicken.

Do you have any questions or comments?

Feel free to leave a comment.